Sucht

Ich habe da so ein Problem. Ich muss immer essen. Also was heißt immer… so zwei, drei Mal am Tag. Mindestens. Wenn ich das nicht mache, dann werde ich unruhig, sozusagen hungrig. Ich bin dann unausgewogen.

Gut, ich kann Mal einen Tag verzichten, zwei Tage geht auch. Dann wird es aber schwierig. Dann muss ich.

Und… ich will auch Verschiedenes essen. Das ist auch noch so ein Ding. Ich habe zwar ein Lieblingsessen, ja ich habe sogar drei, aber ich mag da die Abwechslung. Ich mag nicht Alles, nein das nicht. Aber jeden Tag das Gleiche, oder jede Woche, ne das mag ich nicht.

Das Schlimme ist: Es hält mich von anderen Dingen ab. Da bin ich endlich im Büro angekommen, arbeite gerade mal vier Stunden, bin so richtig drin in der Arbeit, zack, da muss ich wieder. Ich muss die Arbeit unterbrechen. Ich muss etwas essen, ich muss einfach. Es ist ein innerer Drang.

Auch sonst: Ständig dieser Drang. Manchmal muss ich richtig planen, die ganze Tagesplanung nach meinem Wunsch nach Essen ausrichten. Von dem Aufwand der Beschaffung, also Essen zu bekommen und zwar so wie ich es will, fang ich gar nicht erst an. Das hält mich richtig vom Leben ab. Ich kann gar nicht richtig funktionieren. Es ist eine Sucht. Alle Indikatoren für Sucht werden erfüllt. Ich leide unter dem Zwang essen zu müssen, und Leid und Zwang in Tateinheit sind die Indikatoren für Sucht.

Es ist schlimm. Rauchen ist nix dagegen.

Aber ich habe Glück. Meine Sucht essen zu wollen ist allgemein akzeptiert.

Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass essen notwendig für die körperliche Unversehrtheit ist. Zumindest mittelfristig ist es immer Mal wieder notwendig. So etwa wie Atmen. Auch beim Atmen neigt der Mensch zur Sucht: Einatmen, Ausatmen und so weiter. Er kann nicht damit aufhören. Kann der Mensch nicht atmen, so geht es ihm schlecht. Deswegen tut er sich auch so schwer unter Wasser, oder im All.

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Okay, okay, ja, ich weiß. Kein Schwein käme auf die Idee das als Sucht zu bezeichnen. Atmen und essen muss einfach sein. Es gibt Dinge, die der Mensch braucht. Nahrung und Luft zum Beispiel. Der Körper braucht das. Die Psyche braucht übrigens Stimulation und Zuneigung, sonst geht sie kaputt. „Mein Kind ist kuschelsüchtig, die braucht das jeden Tag.“ Da ruft niemand nach Therapie, die Sache ist klar.

Es gibt eben psychische Bedürfnisse die befriedigt werden müssen. Der Mensch verdorrt, werden sie nicht bedient.

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Nur beim Sex, da werden sie alle hysterisch. Sexsucht! Sexsucht heißt das Modewort. Ja!!! Es gibt tatsächlich Menschen die Sex brauchen. Sie müssen es tun, sonst werden sie krank, kommen nicht klar, knabbern an der Tapete, oder was weiß ich. WAS FÜR EINE ERKENNTNIS!

Das ist bei jedem Menschen so, sie gehen nur unterschiedlich damit um. Und so wie die Menschen unterschiedlich oft essen, oder unterschiedlich lange den Atem anhalten können, so wollen sie auch unterschiedlich oft, intensiv, mit-wem und lange Sex. Das ist keine Sucht, das nennt man Leben! Es ist völlig normal.

Hunderte Artikel werden dazu geschrieben im Netz und auf Papier. Tests und Beispiele werden genannt, von zerstörten Beziehungen wird berichtet, Menschen werden skizziert in ihrer Abartigkeit. „Er wollte immer weiter Sex, nicht nur mit mir.“ „Sie wachte jede Woche in einem fremden Bett auf.“ „Dann überkam es sie wieder…“ „Da wusste ich, trotz Therapie hat er es wieder getan.“ Und so weiter. Ich könnte seitenlang zitieren.

Das es da eine andere Sicht gibt, die, dass die Moral, Norm und Gesellschaft etwas verlangt dem von 98% der Menschen nicht schadlos und von 30% der Menschen nicht einmal im Ansatz entsprochen werden kann, davon kein Wort. Davon las ich noch nie.

Seit zweihundert Jahren versucht man abzugrenzen, welches Maß an Verlangen normal ist und welches nicht. (1830 erstmals als Krankheitsbild beschrieben, Erotomanie). Seit zweihundert Jahren! Und es will nicht gelingen, weil es nicht gelingen kann, weil der eine Mensch eben von dem anderen Menschen verschieden ist. Und wenn er jeden Tag ne Andere braucht, oder sie drei Mal die Woche drei zugleich, dann ist das eben so. Sie atmen nur, bildlich gesprochen. Sie stoffwechseln. Sie tun das, was sie brauchen um gesund und glücklich zu sein; nichts ist daran krankhaft oder Sucht.

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Sexsucht und dieser Hype darum ist etwas ganz Anderes. Es geht um etwas ganz Anderes. Ich bringe das jetzt einmal auf den Punkt:

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Wisst ihr was liebe Journalisten?: Die Welt ist so bunt und es brennt an allen Ecken und Enden. Wenn ihr zu doof seid in dieser Welt Themen zu finden die Quote machen, dann gebt es dran. Ihr seid zu dämlich für den Job. Fahrt lieber Taxi – ich meine beruflich – und lasst uns in Ruhe mit diesem Schund.

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12 Kommentare

  1. Ich finde das etwas zu einfach gesagt.

    >>Und wenn er jeden Tag ne Andere braucht oder sie drei Mal die Woche drei zugleich, dann ist das eben so. Sie atmen nur, bildlich gesprochen. Sie stoffwechseln. Sie tun das, was sie brauchen um gesund und glücklich zu sein; nichts ist daran krankhaft oder Sucht.<<

    Das könnte man dann ohne Bedenken auch ausdehnen auf andere Themen. Wenn mich die Lust überkommt zu morden, dann ist das eben so?
    Verstehe mich nicht falsch, bei dir macht es den Anschein, als wären damit alle einverstanden, dennoch unterscheidet uns vom Tier, zu differenzieren, nicht jedem Bedürfnis hinterher zu rennen. Wir können uns Fragen stellen, überlegen, beleuchten und uns befragen, warum man das möchte. 🙂

    Dies rührt in den meisten Fällen aus einem ungestillten Verlangen aus der Kindheit heraus, ewig auf der Suche nach Erfüllung. Aber stets ruhelos im Geist.

    Was und wie die Leute leben und lieben, ist ihre Sache und bedarf es auch nicht unbedingt, explitit einer Erwähnung, solange alle beteiligten damit d'ac­cord gehen. Nur es so hinzustellen, als wäre es ein Grundbedürfnis wie das Essen, finde ich etwas hoch gegriffen. Liebe an sich ist ein Grundbedürfnis, welches gestillt werden möchte, der Akt an sich ist da unwichtig.

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    • Oh, wie tolerant: „Was und wie die Leute leben und lieben, ist ihre Sache…“ aber zwei Absätze höher intendiert: die die es anders tun, seien doch etwas näher am Tier. (liebe Tiere: Nix für ungut. um Euch gehts gerade nicht). Ohhh, das liebe ich… diese doppelte Spiel. Es riecht hier nach dem Mörtel den wacklige Psychen brauchen damit die Bausteine halten. Der Mörtel heißt Moral.

      Tut mir leid, nein. Es ist so einfach: nichts ist daran krankhaft oder Sucht. Sie tun es (oder streben es an), weil sie es wollen und gut für sie ist.
      Und nochmal nein: der Akt ist nicht unwichtig, da nur geistiges Ficken verdammt noch mal nicht berührt. Zumindest oft nicht der Art, wie es nötig ist.

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      • Wie so oft im Umgang mit Themen die einem wichtig sind, wird sich nur aus den Zeilen genommen was man als Angriff deuten kann. Warum? Woher rührt diese Angst? Ist es der Wink auf das eigentliche Thema, den Ursprung? Den so viele nicht sehen möchten um zu rechtfertigen? Das ungeliebte innere Kind.
        Mein Vergleich sollte doch nur veranschaulichen, dass da etwas hinkt. Man damit nicht so einfach sagen kann, nehmt alles hin, so bin ich, das wäre zu einfach.
        Sorry, wenn dich da etwas angetriggert hat.

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      • Du hast mich nicht angegriffen. Aber ich greife Dich an, weil ich allen Grund dazu habe: Du schreibst mit doppeltem Spiel. Jeder könne solle doch tun was ihm gefällt, im Subtext aber eingestreut derjenige der es tut, sei näher am Tier und habe wohl das Wesen der Liebe nicht begriffen – oder so ähnlich. Auf den Akt käme es ja nicht an und sowas.

        Und ich habe noch mehr Grund: man könne damit weiteres Rechtfertigen. Ich will mich nicht auf das verschrobene Niveau der Interpretation von Assoziationen bewegen, deswegen nenn ich das jetzt nochmal Subtext. Der Subtext ist auch hier: das das dem Wünschen Nachgeben – genauer: folgen – etwas Negatives sein. Herangezogen wird ein haarsträubendes Beispiel Mord.

        Darum geht es ja in dem Text: Moral kommt daher in falschem Gewandt. Hier als „höheres Streben“ dort als Diagnose Krankheit. Beides scheinbar gutmeindend, auf den Rechten weg zurückführend, diagnostizierend – was der Versuch der Genesung einleiten soll. Anstatt einfach zu sehen wie es ist: die Menschen haben unterschiedlich viel Lust. Fertig.

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  2. Wenn man etwas aus dem Kontext zieht, und dann auch noch Sinnfern zusammen setzt, dann kommt sowas heraus. Wo ist denn da die Toleranz? Mann hätte den Dialog auf sachlicher Ebene weiterführen können, aber durch deine Art auf diese Zeilen zu reagieren, nimmst du es ja schon vorweg, dass da nur DER eine Weg und DIE eine Sichtweise möglich ist, alle anderen liegen falsch.
    Ich schrieb: “… dennoch unterscheidet uns vom Tier, zu differenzieren …“
    Das heißt auch, man sollte Dinge nicht über einen Kamm scheren. Wenn du sagst was ‚dein‘ Grundbedürfnis ist, kann eben für den anderen das Grundbedürfnis, aus seinem tiefsten Inneren heraus, sein, jemandem die Kehle durchzuschneiden und dabei zum Erguss zu kommen. Das ist dann für mich undifferenziert, dass du das nun eins zu eins auf dich beziehst, ist dann echt schräg.
    Vielleicht wäre für mich der text oben gar nicht ‚kommentierwürdig‘, aber für mich hinkt der Vergleich zum Essen nach wie vor. Das dürfte doch zu verstehen sein.
    In diesem Sinne, schönes Leben noch!

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    • Ich habe nie behauptet tolerant zu sein. Ich bin null Tolerant bei Intoleranz. Aus guten Gründen, ist ja dialektisch schon längst geklärt.
      Ich sage in dem Text: Da sind welche die haben die und die sexuellen Wünsche, bzw. „brauchen“ eine höhere/intensivere/andere Quantität/Qualität als Andere. Ich sage (indirekt) das ist intolerant sie als Krank/süchtig zu bezeichnen und nerven tut es auch. Sage das (im Subtext) das Problem gar keines ist, bzw. nur durch die Diagnose „Sucht“ erzeugt wird. (etwas überinterpretiert jetzt). Und gegen dieses Treiben bin ich sehr Intolerant. Was soll das? Warum macht ihr es den Leuten schwer indem ihr sie als „krank“ abqualifizert frage ich auch.
      Da kommt ein Flummiball daher und sagt: damit könne man auch Mord rechtfertigen. Ja, sie seien Opfer ihrer Kindheit (etwas zugespitzt – sind wir übrigens alle). Und bei der waren Liebe, sorry wahren Liebe, sei es eh etwas anderes, da gehe es darum gar nicht. Na, wenn das mal nicht intolerant ist auf Ebene zwei. Da tropft und trieft die Überheblichkeit.

      Neinnein. Da halte ich kurz mal gegen, nur um die verschrobene Allverständnisgesinnung von mir zu weisen. Nur kurz, weil ich gerade Zeit habe und mich drin üben will.
      Nein, ich darf eine klare Position haben. Die sind nicht süchtig und Sexsucht ist ne Zeitungsente. Und nochmalnein: nur weil ich sage man soll, wenn man will, räume ich Tätern keinen Freifahrtschein aus in einem anderen Fall – ob für Mord oder irgendwas. Und Neinnein, zu offensichtlich schmückt sich jetzt der Flummiball mit Arroganz („gar nicht kommentierungswürdig“), da ihr inneres Kind hier nicht so recht angenommen wird von mir. Macht aber nix. Gibt ja Andere.

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      • *Gähn* Dann mach doch ’nen Text draus.

        Der jenige, der verzerrt und undiffernziert ins Maßlose, in wenige Zeilen hinein interpretiert, der bist ja nun du.

        Es sagt viel über einen Menschen aus, wenn er angreifend und ‚persönlich‘ wird.
        Das kann man so für sich gut stehen lassen.
        🙂

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